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winter – hibernus

Die sieben Todsünden

Das Sichwiederfinden des Künstlers in einem Werk einer längst vergangenen Zeit gibt die Gewähr für die Authentizität zwischen beiden und die Möglichkeit der gegenseitigen Stellvertreterschaft.
Die sieben Todsünden

Bedeutendster Teil der Ausstattung der Wintringer Kapelle ist ein vermutlich vollständig erhaltener Zyklus von acht figürlichen Steinplastiken, die auf den pultdachartigen Rücksprüngen der Strebepfeiler – den sogenannten Wasserschlägen – sitzen. Diese Figuren wurden aus den Wasserschlägen, die einen Block bilden, bildhauerisch herausgearbeitet und werden daher als Wasserschlagfiguren bezeichnet. Der Zyklus beginnt an dem Chorpfeiler der Südseite mit einem Engel, der ein Spruchband hält. Es folgen nach Osten um die Apsis herum ein auf dem Rücken liegender Mann, dann vermutlich ein Hund, eine Kröte, eine Eidechse und ein Affe sowie an den erwähnten nachträglich angefügten Pfeilern der Westseite, eine sitzende Frau und ein Löwe. Eine naheliegende Deutung des Zyklus könnte die sinnbildliche Darstellung der Sieben Todsünden bzw. Laster sein, auf die der Engel warnend verweist.

Die sieben Todsünden

Bei näherer Betrachtungsweise ist der Zyklus der acht Wasserschlagfiguren für die ehemalige Prioratskirche in Wintringen im 15. Jh. ganz bewusst in den Außenbereich der Kirche platziert worden. Der Betrachter sollte den Figurenzyklus wohl bereits vor dem Betreten der Kirche wahrnehmen, ihre vom abgeleiteten Regenwasser gepeinigte Position, auf den Wasserschlägen der Strebepfeilern. Der Bildhauer des Mittelalters provozierte demnach bereits durch die Position seiner Darstellungen der Laster bwz. Todsünden eine Reaktion. Konzeptioneller Ausgangspunkt der ersten Winterveranstaltung war es, auf die künstlerische Aussage des Bildhauers der Wasserschlagfiguren zu reagieren.

Tafelbilder der 8 Wasserschlagfiguren der Wintringer Kapelle 8 Wasserschlagfiguren der Wintringer Kapelle

Die spätgotischen Wasserschlagfiguren der Wintringer Kapelle im Spiegel von acht Tafelbildern des Malers Nikola Dimitrov

Die sieben Todsünden

Der Maler Nikola Dimitrov hat sich bereits zu Beginn des Jahres 2005 auf diesen Prozess der Auseinandersetzung mit einer Kunstform, die im Kontext einer religiösen Weltanschauung erfüllt wurde, eingelassen. Er wagte damit eine Annäherung an vordergründig Unbegreifliches, um auf seine künstlerische Weise ein Angebot für eine gegenwartsbezogene Verständigungsebene im Dialog der Wasserschlagfiguren mit ihrem Betrachter zu unterbreiten.

Im Rahmen einer eigens konzipierten Ausstellung inspirierten ihn dabei die allegorischen Gestalten der Wasserschlagfiguren zu einer malerischen Auseinandersetzung mit der Thematik der Todsünden. In seiner Deutung verknüpft er die sieben kardinalen Laster, die den Menschen vom Weg zu sich selbst wie von Gott entfernen, mit der auch der mittelalterlichen Ideenwelt vertrauten Symbolik der Planeten. Die Planeten repräsentieren seit der Antike innere und äußere Kräfte, welche die Entwicklung des Menschen unter einen Spannungsbogen von Licht und Schatten stellen. In der Polarität zwischen Gut und Böse, zwischen Himmel und Erde, Aufstieg und Fall ordnen sich die Todsünden als Extreme psychischer und physischer Möglichkeiten ein. Auch der Engel wird zu einer mehrdeutigen Gestalt als Lichtträger und Diener der Dunkelheit.

In den acht pfeilerähnlichen, die aufstrebenden Formen der Gotik aufnehmenden Tafelbildern entfaltete Dimitrov in der für ihn typischen Bildsprache ein symbolisches Universum menschlicher Individualität als Antwort auf seinen Dialog mit diesem Zyklus. Er schuf damit einen zeitgemäßen Spiegel der Selbsterkenntnis, in der Tradition des „memento mori“.

Stefanie Risch

Die sieben Todsünden

Der Schauspieler und Countertenor Ralf Peter interpretierte durch Text- und Gesangsimprovisationen während der Ausstellungseröffnung vor den jeweiligen Tafelbildern beeindruckend die sieben Todsünden.

Nikol Dimitrov
NIKOLA DIMITROV, GEBOREN 1961 IN METTLACH/SAAR | 1979-1988 STUDIUM AN DER MUSIKHOCHSCHULE DES SAARLANDES | 1984 EXAMEN ALS MUSIKERZIEHER | 1988 KONZERTREIFEPRÜFUNG ALS PIANIST | SEIT 1980 BESCHÄFTIGUNG MIT MALEREI | 1996/1997 DOZENT AN DER SCHULE FÜR KREATIVES GESTALTEN, PÜTTLINGEN | SEIT 2000 FREIE KÜNSTLERISCHE TÄTIGKEIT ALS MALER | WEITERBILDUNGEN AN DER KUNSTAKADEMIE TRIER UND IM WEBDESIGN | STUDIENAUFENTHALTE IN KROATIEN | MITGLIED IM SAARLÄNDISCHEN KÜNSTLERHAUS UND IM BUNDESVERBAND BILDENDER KÜNSTLERINNEN UND KÜNSTLER, SAARBRÜCKEN | STIPENDIUM DER STIFTUNG KULTURBESITZ, LANDKREIS SANKT WENDEL

SündenMosaik

In schöner Ergänzung der monumentalen Tafelbilder der „Sieben Todsünden“ hat Nikola Dimitrov 100 Originale im kleinen „gotischen“ Format gearbeitet. Sie entstanden auf der Leinwand, die Dimitrov vorab in der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Thema und dem überdimensionalen Format der Tafelbilder mit der Symbolik des Löwen und der Sonne zugeordneten Farben bemalte. Dieses Urbild wurde in Streifen geteilt, die einzeln übermalt wurden. Entstanden sind 100 kleine, jeweils eigenständige Schöpfungen, welche die Farben die Nikola Dimitrov den kardinalen Todsünden zugeordnet hat, aufgreifen. Der Erlös wird zugunsten des Projektes KulturOrt Wintringer Kapelle zur Verfügung gestellt.

Die Kleinen Sünden, 100 Originale, handsigniert, Acryl auf Leinwand, ca. 35 x 4,5 cm auf handgeschöpften Bütten, DIN A 3. Preis je 25,– €. Bezug über peter.lupp@rvsbr.de