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per annum MMXII

SAATGUT

Hermann Bigelmayr

Saatgut

…gebackenes Brot ist schmackhaft und sättigend – für einen Tag; aber Mehl kann man nicht säen, und die Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden.

J. W. von Goethe (1795)

Saatgut

Seit der Sommersonnenwende im Juni 2011 präsentierte sich am KulturOrt Wintringer Kapelle der renommierte Münchner Bildhauer Hermann Bigelmayr mit seinem Werk „Die Grenzen des Wachstums“.

Das Werk von Hermann Bigelmayr wurde als Prozessarbeit konzipiert. In einem Trialog wird das Werk in 3 Jahreszyklen, von Sommersonnwende zu Sommersonnwende, vervollständigt und durch einen öffentlichen Diskurs zum Thema begleitet und vertieft.

Trialog

per annum 2011–2012 steht für das Basiswerk (ein überdimensionaler, gebrochener, Weizenhalm) und den Übertitel „Die Grenzen des Wachstums“. per annum 2012–2013 trägt den Titel SAATGUT.

Dazu hat Hermann Bigelmayr eine weitere Facette der Thematik eröffnet und in Bildsprache gesetzt. Dieses „Bild“ ist ab der Vernissage am 23.06. auf der Innenseite des Westportals der Kapelle zu sehen. Letztlich schließt per annum 2013–2014 unter dem geplanten Titel „In der Schwebe“ den Trialog ab.

Das Jahr 2012 liefert die aktuellen Hintergründe für die künstlerische Arbeit und den Diskurs.

40 Jahre „Die Grenzen des Wachstums“

Vor 40 Jahren publizierte der Club of Rome unter dem Titel „Die Grenzen des Wachstums“ seinen ersten Bericht zur Lage der Menschheit. 1972 warnten die Forscher im Auftrag des „Club of Rome“ erstmals: Die Weltbevölkerung lebt über ihre Verhältnisse, wenn die Menschen nicht umsteuern, führt die Umweltverschmutzung in eine globale Katastrophe. 2012 haben führende Wissenschaftler den Status quo erneut unter die Lupe genommen. Die Prognose ist nicht besser als vor 40 Jahren…

Rio + 20

20 Jahre nach dem ersten Erdgipfel 1992 trifft sich die Weltgemeinschaft am 20. bis 22. Juni 2012 erneut in Rio de Janeiro. Trotz aller Erkenntnisse konnte jedoch bislang weder der Klimawandel noch der Verlust der biologischen Vielfalt gestoppt werden. Wir verbrauchen heute die Ressourcen von eineinhalb Planeten und heizen die Erdatmosphäre weiter auf. Ohne jegliche Konkretisierung lag bereits vor Beginn des Gipfels der Abschlussbericht vor. Solche Formen der „Gipfeldemokratie“ führen offenkundig nicht weiter. Alternativ zu dieser Weltklimakonferenz hat sich mittlerweile der „peoples summit“ – der „Volksgipfel“ – gegründet, auf dem Ergebnisse auf Bürgerebene erzielt werden. Hier ist man sich einig, dass der Weg in eine ökologische Zukunft nur gelingen kann, wenn sich die Menschen über die Folgen eines ungebremsten Wachstumsdenkens bewusst werden und vom Wissen ins Handeln gehen.

Jahr der Ernährung 2012 – Wintringer Hof wird zum Vorzeigebetrieb für den Ökolandbau

2012 ist Jahr der Ernährung und fordert auf, bereits jetzt darüber nachzudenken, wie man im Jahr 2050 neun Milliarden Menschen ernähren kann. Der einzige Schlüssel dazu scheint im weltweiten Durchbruch von ökologisch und sozial produzierten Lebensmitteln zu liegen.

Ein signifikantes Modellbeispiel dazu liefert in der Region Saarbrücken und im Biosphärenreservat Bliesgau der Wintringer Hof. Der im sozialen Auftrag von der Lebenshilfe für Menschen mit Behinderung e.V. betriebene Bioland Hof wurde im Mai 2012 zum Vorzeigebetrieb für den Ökolandbau ausgezeichnet und zeigt in vielen greifbaren Facetten wie nachhaltiges Denken und Handeln in der Praxis aussehen kann.

Hermann Bigelmayr

Fazit

Für den KulturOrt Wintringer Kapelle und die Menschen in der Region Saarbrücken sind die Aspekte Anlass und Gebot, mit Unterstützung der Botschaft der aktuellen Ausstellung und einem öffentlichen Diskurs vor Ort eine Bewegung von unten zu entfachen. Ziel ist es einen Wertewechsel vom rein ökonomischen zum nachhaltigen Denken auszulösen. Dabei geht es darum, ein Leben in Würde zu ermöglichen, ohne die ökologischen Grundlagen unseres Lebens zu zerstören. Das wird nur gelingen, wenn wir in unserem heutigen Handeln, das Morgen und Übermorgen mit berücksichtigen. Auch diesen Appell hat Goethe bereits 1820 formuliert:

Wer nicht von dreitausend Jahren Sich weiß Rechenschaft zu geben, Bleib im Dunkeln, unerfahren, Mag von Tag zu Tag leben …

J. W. von Goethe

SAATGUT – Die künstlerische Position

Saatgut

Hermann Bigelmayr, der seine künstlerische Position „Die Grenzen des Wachstums“ als Prozessarbeit begreift, hat auf die aufgeführten aktuellen Hintergründe reagiert. Ab der Sommersonnwende 2012 erweitert er seine Installation am KulturOrt Wintringer Kapelle mit einem weiteren Werk. Es trägt den Untertitel „SAATGUT“.

Inhaltlich tritt er in Dialog mit einer der prägnantesten Kurzformeln des Nachhaltigkeitsgedankens, die Johann Wolfgang von Goethe 1795 in seinem Werk Wilhelm Meisters Lehrjahre hinterlassen hat: „…gebackenes Brot ist schmackhaft und sättigend – für einen Tag; aber Mehl kann man nicht säen, und die Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden.“

Impression Diskursveranstaltung mit Ulrich Grober

„Goethe verachtet keineswegs das tägliche Sattwerden, den Genuss, das Aroma von frisch-gebackenem Brot, die Selbstsorge. Aber, so sagt er, zur Selbstsorge gehört die Sorge um das Saatgut, also die Vorsorge. Und damit bringt er die Bedingungen für das Wachsen und Gedeihen der Saaten ins Spiel: die Bodenfruchtbarkeit, den Wasserhaushalt, die Biodiversität, mit einem Wort – die Ökologie. Eine der maßgeblichen Steuerungselemente im Ringen mit dem unreflektierten Wachstumsgedanken“, erläuterte der Nachhaltigkeitsexperte Ulrich Grober im Diskurs II zur aktuellen Ausstellung „Die Grenzen des Wachstums“, im März 2012.

Saatgut Stempel

Unter dem Titel „Saatgut“ übersetzte der Bildhauer Hermann Bigelmayr diesen überlebensnotwendigen Appell in die Bildsprache des Kostbaren und des Bedrohlichen zugleich. Auf dem Grundriss eines transparenten Quadrates positioniert er gelbreife Weizenkörner – SAATGUT – das er auf Basis von Erdfarben mittels eines selbstgefertigten Stempels auf handgeschöpfte Papierkärtchen aufgedruckt hat. Bereits der bedachte Vorgang selbst ritualisiert, beschwört die Kostbarkeit dieser auserkorenen Früchte des Erdbodens. Korn für Korn fügt sich die Rücklage zusammen. Überlebensnotwendiger Garant für die Ernte von Morgen: SAATGUT. 64 Weizenkörner auf einem transparenten Quadrat wollen auf einer weiteren Ebene an die Gefahren des exponentiellen Wachstums erinnern, die bereits innerhalb des Werkes in der Symbolik zur Sage „vom einzigen Korn“ thematisiert wurde.

Im Gegensatz zu der in der Sage symbolisierten exponentiellen Steigerung (je Feld die doppelte Kornzahl wie auf dem vorhergehenden) markiert hier die lineare Verteilung der 64 Weizenkörner, auf 64 Felder eines imaginären Schachbretts, das Ende eines weitverbreiteten Wachstumsbegriffs, der sein Ziel bloß in quantitativer, notfalls auch unkontrollierbarer Steigerung sieht.

Diese Botschaft verdichtet sich in seiner Transparenz auf das zugemauerte Westportal zur Neu-Formulierung: Wir brauchen den Durchbruch zu einem qualitativen Wachstum, bei dem Vielfalt jenseits menschlicher Interessen einen Wert an sich darstellt, ein Wesensprinzip des Lebendigen, das es zu bewahren gilt.

Saatgut Papierkarten
Stefan Scheib
„Zwischen den Zeiten“
Stefan Scheib
Kontrabass
Improvisationen zum Jahreswechsel 2012