Ikonostase Malerei

Till Neu

Juni 2008 – Juni 2009

Per Annum 2008 Cover

In der Wintringer Kapelle ausstellen zu können, ist wie ein Versprechen, das sich in Glück verwandelt. „Pèlerinage – mit den Augen pilgern“ hieß es im Jahr 2005, als an den Wänden der Kapelle Miniaturen meiner Malerei zu sehen waren. In diesem Jahr konzentrierte sich meine Idee auf eine große, mehrteilige Arbeit, die vor der Apsis als Bilderwand aufgestellt wird. Der Besucher der Kapelle wird dort stehen bleiben, wo der Raum sich einst sakral definierte: an der Stelle eines Altars oder, wie in der christlich-orthodoxen Kirche, vor einer Ikonostase.

Ikonostase

Eine Ikonostase, wörtlich ein „aufgestelltes Bild“, grenzt den Gemeinderaum vom Altarraum völlig ab, deren drei Türen sich nur selten bei bestimmten Ritualen öffnen. Jene Funktionen wie auch die Heilsgeschichte selbst, das fürbittende Personal oder auch die Märtyrer auf den zahlreichen Ikonentafeln, spielen in meiner Arbeit keine Rolle mehr. „Meine Ikonostase“ erzählt von Himmel und Hölle auf der Erde und ihren Bildern in der Kunst. Der Raum der Kapelle animierte mich, die lang gehegte Idee eines großen Bildes zu verwirklichen. 48 einzelne Tafeln verteilen sich auf zwei Hälften. Auf der linken Seite Bilder zu Gefahren, Gewalt und Tod; rechts Bilder mit Hoffnungen, Freude, Glück. Ich fühle mich wie ein Augenzeuge jener Bilder im Alltag und in der Geschichte der Kunst, zu denen ich nicht schweigen kann. In meiner Sprache weitererzählen, wie dies bei Mythen üblich war.

In der aktuellen Kunst wird demnächst ein sterbender Mensch als Teil eines Kunstwerkes zur Schau gestellt, was die Erregung der Betrachter steigern wird. Ein paar Jahre zuvor kauften zwei englische Künstler den Radierzyklus „Desastres de la Guerra“ von Francisco Goya (es existieren sieben), um dann 80 Grafiken zu überarbeiten und zu „verbessern“. Der Schauer, den Goyas von Gewalt verwüstete Gestalten auslösen, hatte ihnen nicht genügt. Ich sehe darin provokante Prestigeformen, die mit ihrer Unempfindlichkeit leibhaftig Sterbende und gezeichnete Sterbende zu Spielzeug degradieren.

In meine Arbeit fließen Werke anderer Künstler und Kulturen ein, ohne dass ich mit ihnen „sprachlich“ konkurriere. Ich zitiere Fresken des sienesischen Künstlers Pietro Lorenzetti aus dem Mittelalter oder Bilder von Paul Gauguin. In den Zitaten bleiben künstlerische Mittel und Überzeugungen des anderen Werkes lebendig, auch wenn sich die Bilderzählung wandelt.

Mit der Vielfalt der Bildquellen entwickelte sich ein besonderes Bildkonzept: 48 Bilder führen sich in einem je 20 x 20 cm kleinen Feld selbst auf, das außen durch monochrome Malerei beruhigt wird. In einer monatelangen Arbeit wurde mein Malen mit der Hand zu einer Berührung, begleitet von meinem Mitempfinden für Schönheit, für Friedliches, für Verletzungen, für die Ohnmacht der Opfer, für das Leid. Es ist nicht irgendeine Polarität des Lebens, die mich interessierte, sondern ein vertiefter Blick auf die kostbare und oft grausam ausgelöschte Existenz des kleinen, sterblichen Individuums.

Till Neu, Saarbrücken im April 2008

Die „Ikonostase“ wird ab Juni 2009 Gast in Schloss Dagstuhl, Leibniz-Zentrum für Informatik, in Wadern sein.

Dunkle Seite (Linke Hälfte der Ikonostase Bilder 1-⁠24)

Helle Seite (rechte Hälfte der Ikonostase, Bilder 25-⁠48)

Alle Bilder 20 x 20 cm, Buchbinderkarton, Acryl, Tempera, entstanden in La Lilette, Januar–April 2008

Kurzvita

Till Neu

Till Neu, geboren 1943 in Saarbrücken | Studium an der Werkkunstschule in Saarbrücken bei Oskar Holweck (Grundlagen der Gestaltung) | Studium an der Hochschule der Bildenden Künste in Kassel, Malerei bei Fritz Winter | Studium der Kunstgeschichte, Promotion über Gestaltungslehren (1976), Universität Saarbrücken | Seit 1978 zwei Berufe: Künstlerische Arbeit und Lehrtätigkeit | Seit 1984 Professor an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt/Main, am Institut für Kunstpädagogik, seit 1993 für Malerei und Kunstgeschichte | Einzelausstellungen seit 1969 | Veröffentlichungen von Büchern, Kassetten, Katalogen | Vorzeitiges Ende der Lehrtätigkeit im April 2004, um künstlerisch intensiver arbeiten zu können | Wohnorte Saarbrücken und ein Dorf in der Vaucluse, am Fuß des Mont Ventoux.

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