Kulturort Wintringer Kapelle    
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Das Nichts

Gegenüber im linken Quadratrelief tritt vor dem vermauerten Westportal das Nichts in Erscheinung. Das Quadrat zeigt offensichtlich keine Spuren einer künstlerischen Bearbeitung, mit Ausnahme des Blattgoldes mit der das unbearbeitete Holzquadrat belegt wurde. Bigelmayr rückt bewusst die Abwesenheit von künstlerischer Einwirkung, die unbestimmte Leere auf dem Quadrat als Gegenüber der bildhauerisch eingehauchten Symbolkraft seines Kreuzreliefs und unterstreicht mithin die Wechselwirkung. Die scheinbare Abwesenheit von künstlerischer Bearbeitung wird zum Ausdrucksformat einer existentiellen Erfahrung mit dem Nichts, ohne dessen Voraussetzung ein neues Denken im Sinne von schöpferischem (Zusammen-)Wirken im Weltenkreis des blauen Planeten nicht möglich ist. In der französischen Sprache gibt es dazu das Wort „néant“. Das was nicht ist, aber sein kann.

In dieser Möglichkeit zu einem geistigen „Reset“ ins Nichts zur unvermeidlichen Leere als conditio für das heilsam Neue, schimmern die philosophischen Interpretationen der Spätantike und des frühen Mittelalters durch. Nach Augustin kann die Entstehung der Schöpfung nur unter der Voraussetzung eines vorherigen Nichts ihren Lauf genommen haben, alles andere wäre im Umkehrschluss keine Schöpfung sondern stetige Umwandlung. In der Geschichte der Philosophie nimmt die Beleuchtung der Möglichkeit des Nichts quer durch die Zeiten eine zentrale Rolle ein.

In einem anderen Kontext lässt sich das von Bigelmayr an die Wand zitierte Nichts zum Beispiel auch über die Lehren Hegels und Blochs lesen. Hegel stellt das Nichts mit dem Sein auf eine Stufe und lässt beides ineinander übergehen, um so den Vorgang des Werdens zu begründen. Nach Bloch erlebt der Mensch im Nichts einen Mangel, den er intuitiv versucht aufzuheben. Darin erkennt Bloch eine Grundkonstante im Wesen der Menschheit, ein Streben nach Überwindung, letztlich das Prinzip Hoffnung.
[Literatur: UTB Handwörterbuch Philosophie; Henning Grenz: Die Entdeckung des Nichts, Hamburg 1999]

Essenz: Bewusstes Sein, Verstehen als Verwandlung und Werden entfalten sich über Leerstellen im Geist [Meditation ins Nichts].