Kulturort Wintringer Kapelle    
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Von den Grenzen des Wachstums zum Kreuz im Nichts

Seit 2011 steht der Ort mit einer Installation des Münchener Bildhauers Hermann Bigelmayr im Zeichen des Leitthemas Die Grenzen des Wachstums [per annum MMXI ff.]. Inhaltlich geht es um die Präsenz eines allgegenwärtigen Wahns nach Wachstum in unserer atemlosen Gesellschaft.

Vor dem Hintergrund, dass sich im gleichen Atemzug die Werte des christlichen Abendlandes wie Barmherzigkeit und Brüderlichkeit zunehmend verabschieden, rückt in den Fokus, wie es in einer globalisierten Welt gelingen könnte, unsere moralische Integrität zu retten. Das ist die eigentliche Kulturdebatte.

In diesem Kontext war Hermann Bigelmayr eingeladen zum Abschluss seiner fünfjährigen Prozessarbeit, die durch einen öffentlichen Diskurs und künstlerische Reflexionen am KulturOrt Wintringer Kapelle ergänzt und begleitet wurde, nun abermals ein Bildzeichen zu setzen. Seine künstlerische Antwort ist eine Installation, die den Titel „Das Kreuz im Nichts“ trägt und mit dem Ursprungswerk – einem überdimensionalen Weizenhalm, der durch ungebremstes Wachstum im Gewölbe der Kapelle zerbrochen ist – in Resonanz tritt.

Gegenüber im zugemauerten Westportal des sakral geprägten Raumes gibt sich die Installation auf den ersten Blick als zwei leuchtend goldene Quadrate zu erkennen, die trotz ihrer zurückgenommen Gestik zum essenziellen Bedeutungsträger werden kann. In der Suchbewegung nach tragfähigen ethischen und spirituellen Werten lädt das Werk zur Deutung ein und darf durchaus metaphorisch gelesen werden.

 
 

Zur Entstehung der Bildkomposition

Der experimentierfreudige Bildhauer folgt immer wieder auch dem Ruf der Kirche, die seine Schaffenskraft im religiösen Umfeld von Sakralbauten zur Geltung bringen möchte. So gesehen sind ihm künstlerische Interpretationen des Kreuzes als urchristliches Symbol nicht fremd. Der Ursprung einer Serie von Werken mit dem Titel „Das Kreuz im Nichts“ – die jeweils ortsbezogen entstehen – basiert aus den Kontroversen, die sich im Rahmen eines Auftrages zur Gestaltung einer Kreuzinstallation für den neuen Friedhof in München-Riem, der im Jahr 2000 von dem renommierten Architekten Andreas Meck entworfen wurde, entstanden sind. Dort wurde Bigelmayr noch während dem Gestaltungsprozess damit konfrontiert die klassische Kreuzinterpretation für ein künstlerisches Werk auf der Friedhofanlage so zu erweitern, dass der Ort auch für Bestattungen aus anderen Glaubensüberzeugungen geöffnet werden kann.

Nach einigen Überlegungen bediente sich der Künstler zur Lösung der Interessenskollision einer übergeordneten Verständigungsebene. Im Außenbereich des Friedhofes entstand eine neun Meter hohe Skulptur aus vier mächtigen, über einem Quadrat angeordneten Eichenstämmen. Oben auf ruht ein mächtiger Quadratstein, der die vier Pole förmlich von oben erdet, so als wolle er die überschaubaren, irdischen, menschlichen Lebenswelten zusammenhalten. Nur jenen, die sich dem Werk von innen nähern und den Blick nach oben richten, erlauben die Augen eine Schärfung des Anblicks. Für manche gibt sich die Struktur eines Kreuzes zu erkennen, für andere bleibt das Symbol verborgen – im Nichts.

Für den Innenbereich der benachbarten Friedhofskapelle bediente sich Bigelmayr einer ebenso einfachen, aber nicht weniger klärenden Metapher: das unbeschriebene Blatt. Die zweifache Faltung eines unbeschriebenen Blattes Papier über die Mittelachse, teilt das Blatt haptisch in vier weitere Quadrate. Erst in der Entfaltung des Blattes erheben sich Linien, die sich über dem Mittelpunkt überschneiden. Haptisch tritt nun ein markantes Zeichen hervor, das bereits seit vorchristlicher Zeit eine religiöse Weltformel zum Ausdruck verhelfen will: ein Kreuz. Wählt man zudem noch Papier mit hoher Grammatur entsteht bei Öffnung der Faltung, unmittelbar neben dem Schnittpunkt, ein kleines Dreieck. Dieses überaus feine Bild der Verbindung von vier gegenüberliegenden Kardinalpunkten, die scheinbar aus dem Nichts entstehen – oder sich im Umkehrschub darin auflösen – artikulierte der Bildhauer in bekannt feiner Handschrift in zwei quadratische Holzreliefs zum Kreuz im Nichts.

Die Aura des göttlich Übersinnigen und Jenseitigen haucht der Künstler dem Werk schließlich in traditioneller Art und Weise mit feinsten Blättern aus reinem Gold ein, mit denen er seine Holzreliefs, die er über dutzenden von sorgfältig angelegten Kreideschichten belegt und zum Glanz verholfen hat.

Hermann Bigelmayr schuf mit seinem künstlerischen Kommentar vor Ort Orientierungssymbole von interreligiöser Natur, die unterschiedlichste Wahrnehmungen zulassen, ohne die maßgebliche kulturelle und religiöse Prägung der Landschaft, in welcher der Bestattungsort eingebettet ist, aus dem Blickfeld zu entlassen. Entstanden ist sozusagen eine Matrix ethischer Grundsymbolik, bei der es sich lohnt, sie lange zu betrachten und zu analysieren.

Näheres Hinsehen und Erforschen lohnt sich also. Bigelmayrs ikonisches Nichts im goldenen Quadrat im Dialog mit einem Kreuz, das sich zu entfalten scheint, lässt sich in einer analytischen Betrachtungsweise wie eine Epochensymbolik lesen. In einer aus den Fugen geratenen Welt markiert sie Akkupunkturpunkte für eine die Kulturen übergreifenden, ethischen Basis.

Nicht unerwähnt bleiben darf, dass die geniale künstlerische Antwort zur Lösung des Konflikts – Das Kreuz im Nichts – nach der Umsetzung vor Ort zu einer kontroversen kulturpolitischen Debatte in Oberbayern geführt hat.

www.hermannbigelmayr.de/2000_Riem/Riem.html