Kulturort Wintringer Kapelle    
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SAATGUT | Die künstlerische Position

Hermann Bigelmayr, der seine künstlerische Position "Die Grenzen des Wachstums" als Prozessarbeit begreift, hat auf die aufgeführten aktuellen Hintergründe reagiert. Ab der Sommersonnwende 2012 erweitert er seine Installation am KulturOrt Wintringer Kapelle mit einem weiteren Werk. Es trägt den Untertitel "SAATGUT".

Inhaltlich tritt er in Dialog mit der prägnantesten Kurzformeln des Nachhaltigkeitsgedankens, die Johann Wolfgang von Goethe 1795 in seinem Werk Wilhelm Meisters Lehrjahre hinterlassen hat: "...gebackenes Brot ist schmackhaft und sättigend – für einen Tag; aber Mehl kann man nicht säen, und die Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden."

 
 
"Goethe verachtet keineswegs das tägliche Sattwerden, den Genuss, das Aroma von frisch-gebackenem Brot, die Selbstsorge. Aber, so sagt er, zur Selbstsorge gehört die Sorge um das Saatgut, also die Vorsorge. Und damit bringt er die Bedingungen für das Wachsen und Gedeihen der Saaten ins Spiel: die Bodenfruchtbarkeit, den Wasserhaushalt, die Biodiversität, mit einem Wort – die Ökologie. Eine der maßgeblichen Steuerungselemente im Ringen mit dem unreflektierten Wachstumsgedanken", erläuterte der Nachhaltigkeitsexperte Ulrich Grober im Diskurs II zur aktuellen Ausstellung "Die Grenzen des Wachstums", im März 2012.
 
 

Unter dem Titel "Saatgut" übersetzte der Bildhauer Hermann Bigelmayr diesen überlebensnotwendigen Appell in die Bildsprache des Kostbaren und des Bedrohlichen zugleich. Auf dem Grundriss eines transparenten Quadrates positioniert er gelbreife Weizenkörner – SAATGUT – das er auf Basis von Erdfarben mittels eines selbstgefertigten Stempels auf handgeschöpfte Papierkärtchen aufgedruckt hat. Breits der bedachte Vorgang selbst ritualisiert, beschwört die Kostbarkeit dieser auserkorenen Früchte des Erdbodens. Korn für Korn fügt sich die Rücklage zusammen. Überlebensnotwendiger Garant für die Ernte von Morgen: SAATGUT. 64 Weizenkörner auf einem transparenten Quadrat wollen auf einer weiteren Ebene an die Gefahren des exponentiellen Wachstums erinnern, die bereits innerhalb des Werkes in der Symbolik zur Sage "vom einzigen Korn" thematisiert wurde.

Im Gegensatz zu der in der Sage symbolisierten exponentiellen Steigerung (je Feld die doppelte Kornzahl wie auf dem vorhergehenden) markiert hier die lineare Verteilung der 64 Weizenkörner, auf 64 Felder eines imaginären Schachbretts, das Ende eines weitverbreiteten Wachstumsbegriffs, der sein Ziel bloß in quantitativer, notfalls auch unkontrollierbarer Steigerung sieht.

Diese Botschaft verdichtet sich in seiner Transparenz auf das zugemauerte Westportal zur Neu-Formulierung: Wir brauchen den Durchbruch zu einem qualitativen Wachstum, bei dem Vielfalt jenseits menschlicher Interessen einen Wert an sich darstellt, ein Wesensprinzip des Lebendigen, das es zu bewahren gilt.