Kulturort Wintringer Kapelle    
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Die Verwandlung des Wintringer Systems der Symbole

1. Format und Zahl

Die 580 x 69 cm großen Bildsäulen folgen dem Gestaltungsprinzip der Gotik, die mit der betontenvertikalen Form und Materie aus der irdischen Verhaftung zu befreien suchte. Die extrem in die Höhe wachsenden Bildsäulen ordnen sich der Architektur des Ortes unter und greifen zugleich die Position der Wasserschlagfiguren außen auf den Strebepfeilern als herausgehobener Berührungspunkt zwischen Erde und dem lichten Reich des Geistes auf.

Das Format übernimmt mit den Proportionen 1:8 das Zahlenspiel der Skulpturen: Sieben Todsünden und ein Engel ergeben die magische Zahl Acht. Die Acht ist die Zahl der Wandlung und des Neubeginns und der Unendlichkeit im Sinnbild der Lemniskate. Die Acht ist verbunden mit dem Aufstieg ins Licht und der Erhöhung des Engels. Die heilige Zahl Sieben ordnet das Leben der Menschen und den Bau der Welt nach den sieben Sphären. Die Eins steht für die göttliche Einheit.

2. Analogien und Polarität

Das Weltbild von Antike und Mittelalter unterlag der Ordnung universeller Prinzipien, die alle Wesenheiten und Formen durchdrangen. Das Beziehungssystem der Analogien verband die acht allegorischen Figuren mit allen Ebenen der Schöpfung. Nikola Dimitrov wählte die Verknüpfung von Todsünde, Farbe und die den Planeten symbolisch zugeordneten psychischen Energien als Gestaltungsprinzip. Dem Löwen und dem Hochmut entsprach so die Sonne und das Farbspektrum von Gold-Orange, dem Hund und dem Zorn das aggressive Rot und der Mars.

 
Todsünde, Tafelbilder, Wasserschlagfiguren und die zugeordneten Planetensymbole
 

3. Menschliches Maß

Entsprechend der Teilung in Oben und Unten unterlagen alle Erscheinungen der polaren, trennenden Kraft der Gegensätze: Gut und Böse, Licht und Schatten, Tugend und Sünde. Die Allegorien der Todsünden stellten mahnend den negativen Pol dar, der Engel das positive Gegenbild, das für den Menschen unerreichbar blieb.

Dieses vormoderne Deutungsschema durchbrach Dimitrov in seinen linearen Bildsäulen, indem er das Oben und Unten durch einen graduellen Verlauf einer allmählichen Höherentwicklung verband. Er definierte Polarität neu als Extrempunkte, zwischen denen sich der Mensch, aber auch der Engel in seiner Individualität bewegt. Die Farbgebung spiegelt diese Bewegung zwischen Hell und Dunkel.

4. Sünde als innere Dynamik

In den letzten Bildzyklen löst Dimitrov das von ihm geschaffene Wintringer System systematisch auf. Konstant bleibt nur das außergewöhnliche Säulenformat als Sinnbild des polaren Weges und seiner Möglichkeit, sich auf das helle, göttliche Prinzip hin zu entwickeln.

Die Starre der alten Ordnung wird aufgegeben und alle acht Themen in ein einziges Bild integriert. Alle Facetten der Psyche wirken zusammen im Wesen des Menschen, Gut und Böse sind keine unbeherrschbaren, schicksalsgegebenen Kräfte, sondern unterliegen seinem Willen und der Formbarkeit.

Die letzte Interpretation symbolisiert den modernen Menschen als eine vielschichtige Persönlichkeit mit einem verinnerlichten Wertesystem, das aufbaut auf dem tradierten Kanon.

Die Veränderung des "Wintringer Symbol-Systems" spiegelt daher den komplexen Wertewandel und die Entfaltung der Individualität. Die Todsünden-Bilder haben sich entfernt von der Statik und weltabgewandten Innerlichkeit des mittelalterlichen KulturOrtes, von der sie ihren Ausgang nahmen.