Kulturort Wintringer Kapelle    
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Die Sieben Todsünden im Dialog der Künste

1. Spätmittelalterliche Skulpturen im Spiegel moderner Malerei

Die acht spätgotischen Wasserschlagfiguren auf den äußeren Strebepfeilern waren der Ausgangspunkt einer intensiven Auseinandersetzung unter Beteiligung mehrerer Künste. Die vor 600 Jahren von einem unbekannten Künstler aus dem Sandstein gearbeiteten Plastiken gehören zu den bedeutendesten Relikte der Kirchengeschichte unserer Region. Sie werden gedeutet als allegorische Darstellungen der sieben Todsünden und eines Engels.

Mit der figürlichen Darstellung typisierender Eigenschaften und Verhaltensweisen führte die mittelalterliche Symbolsprache auf dem Weg über die Gegenständlichkeit in die Abstraktion. Nikola Dimitrov beschreitet in seiner Interpretation den umgekehrten Weg. In der Negation jeder abbildenden Funktion zugunsten einer puristischen Abstraktion nutzt er allein die emotionale Ausdruckskraft der Farben, um das Thema zu durchleuchten.Seine Gestaltungsmittel sind das Format der Leinwand, die Emotionsräume der Farbkompositionen und der plastische Charakter des Farbauftrags in Verbindung mit der Imaginationskraft der Bildtitel.

Die acht Tafelbilder malte Nikola Dimitrov in seinem Atelier. Er verwendete reines Pigment von hoher Leuchtkraft für seine großflächigen freien Farbschöpfungen. In lasierender Technik schichtete er die Farben zu einem sorgfältig gewählten Zusammenklang. Raumbildung gelang durch den Kontrast stumpfer gegenüber schimmernden, kompakter gegenüber hauchzarten Passagen.

Seine Verlauftechnik durch Muldenbildung in der locker gespannten Leinwand ließ Farblandschaften entstehen, die in sich fließend, mutierend und bewegt erscheinen. Bis in den Trocknungsprozess wahrten die Farben Eigenleben: Relief-, Haut- und Rissbildungen, aber auch körperhafte Gebilde entstanden durch das eigenständige Weiterwachsen der sich sammelnden Farben. Faszinierende Farbverläufe, subtilste Abstufungen und räumliche Effekte geben den hochformatigen Tafelbildern eine sehr lebendige, tiefgründige Sprache.

 
Tafelbild Völlerei hier mit einer Detailaufnahme
 

2. Wandlungsimpulse durch den Dialog zwischen Musik und Malerei

Den Weg aus den Mauern des KulturOrtes heraus begleitete die Musik als die inspirierende Quelle einer allmählichen Transformation. In Livepaintings malte Nikola Dimitrov im Zwiegespräch mit minimalistischen Impressionen und Jazzvariationen von Bernd Mathias am Klavier und Stefan Scheib am Bass. Die Stein gewordene Bildwelt der Spätgotik wie die Visualisierung mit den Mitteln der modernen Malerei stand nun im Kontrast zu der nur hörbaren Welt der Klänge.

Zeitliche Abfolge, Rhythmik und die Variationsfülle der Musik brachten eine in die Bewegung drängende Dynamik in die meditative, ruhende Bildlichkeit. Das Herausgehen aus der Stille der Wintringer Kapelle und der Kontemplation des Ateliers in den direkten Kontakt mit dem Publikum holte die Todsünden-Thematik ins Hier und Jetzt.

Eventcharakter und enger Zeitrahmen förderten eine spontane, expressive und zugleich linear reduzierte Malerei.Das Livepainting legte so von Anfang an den Keim zur kreativen Veränderung.

hier einige Bilder vom Livepainting: Akteure Musik und prozesshafter Nachvollzug der Bildentstehung

 
Livepainting in der Hospitalkapelle Sankt Wendel, 2005
 

3. Mehrfachspiegelungen in Abbildern des Abbildes

In der fruchtbaren Begegnung verschiedener Künste erweiterte jede künstlerische Aussage die vorangegangene Sicht und brachte neue Aspekte ins Spiel. An jedem Ort wurde eine neue Reflektionsebene in das Interpretationsgewebe integriert, so dass in mehrfach gespiegelte Abbildungen entstanden.

 
Abbildungen eines Sündenthemas in Relation zueinander (hier die Eidechse - Neid) quer durch die verschiedenen künstlerischen Gestaltungen (bei 5 und 6 sind es Ausschnitte aus den Einzelbildern von 2006)
 

Den Anfang machten die beweglichen Gipsproduktionen der Wasserschlagfiguren, die unabhängig von der Baulichkeit und der erhöhten Position außen auf dem Gebäude die intensive Auseinandersetzung mit der plastischen und gestischen Figürlichkeit ermöglichten. Sie waren daher auch Teil der Installation im Innenraum der Kapelle.

Schwarz-Weiß-Fotografien der Skulpturen, denen der unmittelbare gebärdenhafte Ausdruck des plastischen Materials fehlte, zeichneten ein kontrastreiches, von Licht und Schatten geprägtes Bild. Sie ebneten den Weg in die Zweidimensionalität und Polarität der Malerei. In Form kolorierter Collagen auf Papier halfen sie bei der ersten Weiterentwicklung vom Urmaterial.

 
Die Sieben Todsünden / Acryl, Collage auf Papier 2005 / 66 x 46 cm / Hochmut, Trägheit, Neid, Wolllust, Zorn, Völlerei, Geiz und der Engel
 

Fotos der Wasserschlagfiguren und der verkleinerte Todsündenzyklus schufen ein komplettes ortsunabhängiges Abbild der Hibernus - Ausstellung im KulturOrt

Die filmische Dokumentation der Livepaintings ermöglichte die kreative Weiterverarbeitung auf der Grundlage der optischen und visuellen Konservierung.

4. Das Entwicklungspotenzial eines offenen Prozesses

Der künstlerische Nachklang der Sieben Todsünden setzte ein vielstufiges, sich gegenseitig beeinflussendes Reflektionssystem in Szene, das weiter geführt und um neue künstlerische Ausdrucksmedien ergänzt werden kann - um die Ebene des Wortes oder des Liedes beispielsweise, wie dies bereits mit den gesanglichen Kommentierungen des Countertenors Ralf Peter während der Vernissage erprobt wurde.

Auch die Resonanz in anderen Räumen war und ist ein mögliches Thema. Nicht zuletzt harren die übergroßen Bildtafeln der "Ur"-Todsünden auf ihre erneute oder endgültige Ausstellung in geeignet dimensionierten Räumen, in denen sie ihre meditative Eindringlichkeit in der Kommunikation mit den Menschen entfalten können.