Kulturort Wintringer Kapelle    
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Die Metamorphose der Sieben Todsünden

1. Die 100 kleinen Sünden

Für einen Beitrag zur Erhaltung des KulturOrtes schuf Nikola Dimitrov 2004 100 "Kleine Sünden". Die 100 handsignierten Miniaturen, im gotischen Format in exakter Proportion gearbeitet, entstanden aus der Leinwand, die er in der Annäherung an sein Thema in der der Symbolik der Sonne/Löwe zugeordneten Farben bemalt hatte. Dieses Urbild wurde in 100 Streifen geteilt, die dann einzeln in ganz individuellen Mischungen der Todsünden-Farben übermalt wurden. Dieses differenzierte Sünden-Mosaik ließ den Betrachter seinen eigenen Sündenspiegel entdecken.

 
Auswahl Miniaturen der kleinen Sünden
Auswahl Miniaturen der kleinen Sünden, 34 x 4,4 cm auf Büttenpapier, Pigment, Bindemittel, Lösungsmittel auf Leinwand
 

2. Die Sieben Todsünden in der Hospitalkapelle Sankt Wendel

Die für den gotischen Sakralraum geschaffenen 5,80 Meter hohen Bildtafeln übersteigen übliche Raumdimensionen. Nikola Dimitrov malte daher Anfang 2005 in proportionaler Verkleinerung acht neue Bilder im gleichen Habitus und ähnlicher Farbgebung, erneut im sakralen Umfeld in der Apsis der Kapelle des Hospital St. Wendel.

Nikola Dimitrov malte direkt vor Publikum, musikalisch begleitet von Bernd Mathias am Klavier und Stefan Scheib am Bass. Durch die Live-Kompositionen erhielt diese zweite malerische Interpretation eine eigene Tiefe. Nikola Dimitrov malte unter dem Eindruck von der Symbolik der Wasserschlagfiguren in Kombination mit 8 musikalischen Leitthemen, die die dunkle und die helle Seite der Planetensymbolik mit den Ausdrucksmöglichkeiten der Musik in 18 Klangbildern beleuchteten. Dieser zweite Bildzyklus, seit 2007 mit 4 Bildtafeln in Besitz der Saarbrücker Winterbergkliniken, trägt den Geist der Besinnung und kontemplativen Selbstfindung an diesen emotional schwierigen Ort.

 
Die sieben Todsünden
Die Sieben Todsünden / Acryl und Pigment auf Leinwand / 2005 / 250 x 30 cm
 

3. Die Sieben Todsünden als Nachklang für die Ausstellung in Kleinblittersdorf

2005 kehrten die Todsünden an das mundane Zentrum ihres Ursprungsortes zurück: Für eine Ausstellung im Rathaus von Kleinblittersdorf malte Nikola Dimitrov einen zweiten Bildzyklus im verkleinerten Format. Die Bildsäulen standen in Korrespondenz zu fotografischen Schwarzweiß-Abbildungen der Wasserschlagfiguren und stellten ein das Originalwerk reflektierendes künstlerisches Abbild dar. Ziel war zugleich eine bewegliche Installation der Sieben Todsünden, die ubiquitär gezeigt werden konnte.

Diese erneute malerische Interpretation ließ bereits andere Ausdrucksnuancen in dem durch die Farbkompositionen gebildeten achtteiligen Psychogramm aufscheinen. Die acht Bildtafeln befinden sich im Eigentum der Evonik Services GmbH in Saarbrücken und konfrontieren an ihrem Standort das kommerzielle Umfeld des Unternehmens mit dem spirituellen Wertekodex.

 
Die Sieben Todsünden / Acryl und Pigment auf Leinwand / 2005 / 250 x 30 cm
Fotos der 8 Wasserschlagfiguren / Print auf Leinwand / 30 x 30 cm
 

4. Der Zyklus der Sieben Todsünden als kreativer Akt in der Tuchfabrik Trier

In einem kreativen Akt veränderte Nikola Dimitrov 2006 in einem Livepainting in der Tufa Trier dann Format und Konzeption. Die acht Bilder wuchsen aus der extremen Vertikale in ein breiteres, stärker erdendes Format. Gleichzeitig löste er die feste, den Positionen der Wasserschlagfiguren folgende Reihung zugunsten einer freien, wechselnden Bildfolge auf - ein Schritt, der im baulich bedingten Platzwechsel der Wasserschlagfiguren auf den Außenpfeilern in situ schon vorgezeichnet war.

Durch variable Kombinationen konnten nun unterschiedliche Gesamtbilder kreiert werden, die den mittelalterlichen Sündenkanon neu ordneten und gewichteten. Die überraschenden Wirkungen führten zu neuen Interpretationsansätzen. Unterstützt durch die expressivere, disharmonischere Farbraumgestaltung signalisierten die neuen Gestaltungsfreiheit das Verlassen des traditionellen religiösen Moralkontextes. Die formale Offenheit reagierte auf das in der Zeit gewandelte Wertesystem.

 
Die Sieben Todsünden / Acryl und Pigment auf Leinwand / 2006 / 250 x 50 cm
 

5. Zeitgemäße Synthese des strengen, hierarchischen Wertesystems

Am Tag der Bildenden Kunst 2006 wurden die Sieben Todsünden im Atelier in der Alten Tabakfabrik in einem weiteren Livepainting mit Musik erstmals in einem einzigen Bild vereint. Das kreative Umfeld des Ateliers und die Freiheit der musikalischen Improvisationen begleiteten den Schritt zu einer zeitgemäßen Synthese des strengen, hierarchischen Wertesystems. Die Einheit des Bildes und die Integration der Teilaspekte wurde formal nachvollzogen im quadratischen Format mit der Maßzahl 1. Das Quadrat als Sinnbild der Materie bildete zugleich den Gegenpol der auf das Göttliche und den Himmel ausgerichteten Vertikale des ursprünglichen "gotischen" Formates.

Erstmals wurde hier auch die Symbolik der Wasserschlagfiguren direkt ins Bild integriert. Als schwarzes, an Bilderschriften erinnerndes Zeichenband bildeten sie im Zentrum der Leinwand den kompositorischen Anfang. Farbsäulen im wässrigen, spontanen Auftrag erhoben sich über sie und überlagerten sie, bis die Relikte der mittelalterlichen Signatur schließlich ganz an den linken Rand gedrängt waren. Eine dynamische, nach allen Seiten ausgreifende Bewegung verwischte und vermischte die strenge Farbenordnung der Sünden in einer mächtigen, über das Bild fegenden Farbwelle, die auch bereits die rechts noch sichtbaren Pfeiler der Werte-Ordnung berührt.

 
Die Sieben Todsünden / Acryl und Pigment auf Leinwand / 2006 / 170 x 180 cm
 

6. Konzentration und Auflösung

Den Schlusspunkt bildete 2006 dann die Konzentration und Auflösung des Themas in einem in die Horizontale gewachsenen Bild. Assoziativ stehen sich hier die Welt der Wasserschlagfiguren und die Farbgebung des Wintringer Systems in emotionaler Gestik gegenüber. Die dunklen grafischen Symbole der allegorischen Skulpturen bilden die Basis. Aus der Höhe des Bildraums entfalten sich fließend, leuchtend und kraftvoll die acht Farbsäulen; sie bilden den neuen Überbau und nur noch an wenigen Stellen, an denen sie nach unten zerfließen stehen sie in Verbindung mit der kryptischen Symbolik der in den Figuren verdichteten Deutungsvielfalt.

Dieses Livepainting fand statt in der Galerie Beck in Homburg anlässlich der Präsentation der Dokumentation mit einer Audio-CD des ersten Malevents in der Kapelle des Hospitals in St. Wendel. Thematisch wie formal schloss sich damit ein Kreis der Entwicklung.

 
Die Sieben Todsünden / Acryl und Pigment auf Leinwand 2006 / 200 x 220 cm