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KulturOrt Wintringer Kapelle

per annum MMXI–MMXII

Hermann Bigelmayr | Die Grenzen des Wachstums

Rahmenprogramm zur Ausstellung I Forum Nachhaltigkeit
25. September 2011

Lesung | Musikperformance

 

Gelesene Texte:

Am 7. Tag war Ruhe. Endlich

Dorothee Sölle:
Eine Geschichte aus dem Talmud und Fragen an uns

Als Gott Himmel und Erde geschaffen hat,
waren ihm beide gleich lieb.
Während die Himmel sangen
und Gottes Ehre zu rühmen wussten,
weinte die Erde.
"Hast du die Erde weinen hören?
Hast du die toten Fische vergessen?
War dir der alte Baum im Weg?
Sind dir die Vögel ausgeblieben?
Hast du die Erde weinen hören??"
Drei Gründe gab die Erde an für ihr Weinen:
"Mich", sagte sie, "hältst du fern von dir
während die Himmel in deiner Nähe sind
und sich am Glanz deiner Herrlichkeit freuen.
Bist du die Erde trösten gekommen
als ihr Gewalt angetan wurde?
Hast du mitgegrölt und die Beute berechnet?
Hast du gesehen
wie schön ihr altes Gesicht voller Schrunden ist?
Hast du allen gezeigt wie sie glänzt von der Nähe Gottes?
Bist du die Erde trösten gekommen?"
"Meine Speise", sagte die Erde,
"gabst du in der Himmel Hand
während die Himmel von deinem Tisch gespeist werden.
Hast du gehört wie die Erde klagt?
Hast du die Erde sprechen hören?
Hast du die Sprache der erde verstanden?
Hast du den Lügen der himmlischen Todfreien gelauscht?
Hast du die Trauer der Erde geteilt?

 

Jörg Zink

Die letzten sieben Tage der Schöpfung

Am Morgen des ersten Tages ...
beschloss der Mensch, frei zu sein und gut, schön und glücklich. Nicht mehr Ebenbild eines
Gottes, sondern ein Mensch. Und weil er etwas glauben musste, glaubte er an die Freiheit
und an das Glück, an Zahlen und Mengen, an die Börse und den Fortschritt, an die Planung
und seine Sicherheit.
Denn zu seiner Sicherheit hatte er den Grund zu seinen Füßen gefüllt mit Raketen und
Atomsprengköpfen.

Am zweiten Tage
starben die Fische in den Industriegewässern, die Vögel am Pulver aus der chemischen
Fabrik, das den Raupen bestimmt war, die Feldhasen an den Bleiwolken von der Straße, die
Schoßhunde an der schönen roten Farbe der Wurst, die Heringe am Öl auf dem Meer und an dem Müll auf dem Grunde des Ozeans. Denn der Müll war aktiv.

Am dritten Tage
verdorrte das Gras auf den Feldern und das Laub auf den Bäumen, das Moos an den Felsen
und die Blumen in den Gärten. Denn der Mensch machte das Wetter selbst und verteilte den
Regen nach genauem Plan. Es war nur ein kleiner Fehler in dem Rechner, der den Regen
verteilte. Als sie den Fehler fanden, lagen die Lastkähne auf dem trockenen Grund des
schönen Rheins.

Am vierten Tage
gingen viele Milliarden Menschen zugrunde. Die einen an den Krankheiten, die der
Mensch gezüchtet hatte, denn einer hatte vergessen, die Behälter zu schließen, die für den
nächsten Krieg bereitstanden. Und ihre Medikamente halfen nichts. Die hatten zu lange
schon wirken müssen in Hautcremes und Schweinelendchen. Die anderen starben am
Hunger, weil etliche von ihnen den Schlüssel zu den Getreidesilos versteckt hatten. Und sie
fluchten Gott, der ihnen doch das Glück schuldig war. Es war doch der liebe Gott!

Am fünften Tage
drückten die letzten Menschen den roten Knopf, denn sie fühlten sich bedroht. Feuer hüllte
den Erdball ein, die Berge brannten, die Meere verdampften, und die Betonskelette in den
Städten standen schwarz und rauchten. Und die Engel im Himmel sahen, wie der blaue
Planet rot wurde, dann schmutzig braun und schließlich aschgrau. Und sie unterbrachen
ihren Gesang für zehn Minuten.

Am sechsten Tage
ging das Licht aus. Staub und Asche verhüllten die Sonne, den Mond und die Sterne. Und
die letzte Küchenschabe, die in einem Raketenbunker überlebt hatte, ging zugrunde an der
übermäßigen Wärme, die ihr gar nicht gut bekam.

Am siebten Tage war Ruhe.
Endlich.